Zweifeln und Glauben
19.11.2011 | Kategorien: Abendkommentar
Während die nächste Sendung gerade läuft und mein Sohn endlich schläft komme ich dazu einige Gedanken zum Thema glauben-zweifeln vom Mittwoch zu notieren. Besser spät als nie. Ich weiß nicht warum, aber der Konsens zu beginn der Gesprächsrunde (Klaus hatte jeden einzeln gefragt, warum er denn glaubt), dass man Gott erfahren muss um zu glauben ... da konnte ich nicht so richtig mitgehen. Ich will Glaubenserfahrungen nicht schlecht reden, im Gegenteil. Aber was ist, wenn man sie nicht macht? Oder wenn man einfach ein sehr kritischer Geist ist, denn das Zimmer bei den Eltern der Freundin im Auslandsjahr halt nicht überzeugt, weil man immer zweifeln kann?
Ich finde, dass Glaube nicht durch Zweifel angegriffen wird und in Gefahr gerät! Meiner Meinung nach ist Glaube ein Resultat der Möglichkeit zu zweifeln. Wie gesagt, man kann immer Zweifeln und zwar an so ziemlich allem. Rene Descartes hat das im 17. Jhdt. ja mal durchgezogen und ist am Ende darauf gekommen, dass er nicht anzweifeln kann, dass er denkt (bzw. zweifelt). Interessant ist aber, dass er sein eigenes Gedankenexperiment, den cartesischen Dämon, also eine böse übernatürliche Macht, die mir (was immer das dann wäre) vorgaukelt ich würde denken usw. nur überwinden konnte indem er annahm, dass es einen guten Gott gibt, der nicht zulassen würde, dass alles nur Illussion eines Dämons wäre. Über das "cogito ergo sum" hinaus kam Descartes nur, weil er eine Glaubensannahme machte.
Es ist nicht nur bei Descartes so. Skeptische Hypothesen, die anzweifeln, dass wir überhaupt etwas wissen können, sind bis heute schwer zu widerlegen. Das Hauptargument dagegen ist, dass wir dich im Alltag den Eindruck haben, etwas zu wissen. Toll. Im Grunde steht da bis heute nichts als der Glaube, dass es anders ist - auch wenn er nicht den Namen "Gott" trägt. Oder nehmen wir die Ethik, die Prof. Gerhard ja am Ende noch angesprochen hat. Wie begründet man eine allgemein verbindlich Moral? Es geht nicht ohne Glauben. Diejenigen die davon ausgehen, dass ethische Aussagen mehr sind als lediglich Gefühlsäußerungen, erklären sie entweder als Konstrukt von Menschen und können damit ihren universalen Geltungsanspruch nicht wirklich begründen, oder sie nehmen an, dass moralische Standards in irgendeiner Form unabhängig von Menschen existieren, können aber nicht erklären was diese Standars sind. Sie sind einfach da. Man glaubt, dass sie da sind. Auch hier lässt sich die Realität (= wir alle haben das Gefühl, dass es allgemein verbindliche Verhaltensrichtlinien gibt) nicht anders erklären, als durch eine Glaubensaussage, die natürlich wieder nicht (mehr) Gott enthält.
Es scheint mir, dass die Möglichkeit oder menschliche Veranlagung Dinge zu hinterfragen deutlich gemacht hat, dass es keinen Grund gibt, auf den wir stoßen. Am Anfang muss immer der Glaube stehen. Wir müssen glauben, weil wir zweifeln können. Es ist eine Illusion, dass wir heute den Durchblick hätten und keinen Glauben mehr bräuchten. Vielmehr ist es so, dass wir unseren Glauben in ein neues Gewand gesteckt haben. Aber im Grund tappen wir nach wie vor im Dunkeln, wenn auch auf sehr hohem Niveau. Es gibt keine befriedigende Definition von Wissen (Gettier-Fälle), aber die Wissenschaft verkauft dem Volk nach wie vor, dass sie Wissen schafft ... und so glauben die MEnschen an die Wissenschaft überall dort, wo sie dem Unerklärlichen begegnen. Ich versteh es nicht, aber es wird schon eine Erklärung geben. Irgendein Wissenschaftler wird es wissen. :o) Früher haben die Leute gesagt, Gott macht es (Blitze).
Dabei wissen wir heute nicht so viel mehr. Okay, ein Blitz ist ein Ladungsausgleich zwischen Wolken und Erde. Aber was ist da geladen? Erde, Wasser? Materie? Hm. Was ist Materie? Atome? Quarks? Und dann? Strings? 11 Dimensionen? Fakt ist, wir haben keine Ahnung, aus was die Welt besteht! Wir wissen noch nicht einmal wieso Teilchen Masse haben. Zumindest ist zum Zeitpunkt an dem ich das schreibe das Higgs-Teilchen noch nicht entdeckt. Und selbst wenn es entdeckt wird, räumt das die Möglichkeit zu zweifeln nicht aus. Dieses Jahr wurde der Physik Nobelpreis für die Entdeckung der dunklen Materie bzw. dunklen Energie vergeben. Das bedeutet, drei Forscher wurden dafür geehrt, dass sie aufgezeigt haben, dass wir über 80% der Universums absolut gar nix wissen!!! Das heißt 80% des Universums, wenn die gängige Erklärung über dessen Ursprung und Konsistenz stimmen soll. Damit diese Erklärung funktioniert muss man nämlich sauviel Dinge annehmen die wir gar nicht kennen. Das fängt von der Assymetrie zwischen Materie und Antimaterie beim Urknall an (woher kam die denn???) und hört bei der dunklen Materie auf.
Das hört sich für mich alles durchaus bezweifelbar an! Es gibt, entgegen der landläufigen Annahme immer mehr Gründe zu zweifeln, je mehr man zu wissen meint. Und da kommt dann der Glaube. Glaube an eine spontane Assymetrie. Glaube an was auch immer. Glaube an Gott. Ob ich glaube, steht nicht zur Debatte. Jeder muss es tun, weil es Zweifel gibt. Was ich glaube, das steht jedem frei. Matthias hatte das so schön ausgedrückt: es ist am Ende eine Frage der Entscheidung. Will ich an Gott glauben oder nicht. Gründe dafür und dagegen gibt es genug. Es liegt an mir!
geschrieben von svefoc um 20:10 Uhr | Stichworte: zweifel, glaube, wissen, wissenschaft | 0 Kommentare
Zum Tod einer Theologin
10.11.2011 | Kategorien: Abendkommentar
Die Sendung gestern ging wirklich an die Substanz! Danke nochmal besonders an Frank Hasel! Am Abend bin ich dann noch über die Abschiedsrede der Schwester von Steve Jobs gestolpert und das hat mich an einen Nachruf erinnert, den ich vor einigen Jahren einmal geschrieben habe und den ich jetzt hier nochmal poste (damals hatte ich keine Zeit für Rechtschreibung und Kommasetzung ... heute auch nicht):
Wenn Theologen alt werden bekommen sie immer schon Festschriften zum Geburtstag, also Bücher wo Kollegen und Schüler die es zu was gebracht haben Artikel zum Thema ihres Lebenswerkes schreiben. Wenn sie dann sterben erscheint meist in mehreren Fachzeitschriften ein Nachruf, in der Regel wieder von einem Schüler/Kollegen.
Diese Woche ist eine Frau in unserer Gemeinde verstorben, die nie Theologie studiert hat, aber trotzdem eine Theologin war und eine meiner ersten Lehrerinnen. Viele Samstage in der ersten Hälfte des Gottesdienstes hat sie mir als Kind Unterricht in biblischer Theologie gegeben. Jetzt ist es wohl an mir, ihrem Schüler und nun Magister der Theologie, den Nachruf zu verfassen.
Sie hat mich gesehen, bevor ich sehen konnte. Jetzt, dreißig Jahre später. habe ich sie gesehen, als sie nicht mehr sehen konnte.
Ich betrete das Krankenhauszimmer in der üblichen Verkleidung bei Patienten mit multi-resistenten Keimen: Kittel, Handschuhe, Mundschutz - die Mütze lasse ich weg, damit sie eine Chance hat mich zu erkennen. Dass noch ein Erkennen stattfindet ist natürlich Optimismus meinerseits, immerhin hat sie seit Tagen schon auf alle Menschen gleich reagiert: mit Haaaallo rufen und Stöhnen - die einzige Sprache die ihr noch geblieben war.
Ich schließe die Tür hinter mir, aber sie reagiert nicht. Liegt mit dem Rücken zu mir. Schläft wohl. Leise sein um sie nicht zu wecken? Schleichen? Aber wozu bin ich dann gekommen? Andererseits will ich sie auch nicht erschrecken. Über den Gedanken erreiche ich ihr Bettende und sehe ihre geschlossenen Augen. Lebt sie noch? Ich spüre das es nicht so ist. Der Atem war über die letzten Wochen keuchend geworden, jetzt ist Stille.
Eigentlich ist alles klar, aber das weiß man immer erst hinterher. So lehne ich mich ans Fensterbrett und lausche, bete und beobachte. Hebt und senkt sich der Brustkorb? Warum bewegt sich unter der Decke immer nur dort etwas, wo ich grade nicht fokussiert habe? Mein eigener Atem ist zu laut um zu hören ob ich der einzige im Raum bin der noch atmet.
Mir geht nicht viel durch den Kopf in diesen Momenten in denen sich langsam die Gewissheit breit macht, dass ihr Leiden ein Ende hat. Dabei könnte ich an vieles denken. An unzählige Kindergruppen zum Beispiel, in denen sie meinem Bruder und mir Geschichte Israels und Theologie des AT und NT beigebracht hat. Auch unsere ersten Schritte in Christologie fanden vor ihrer Filztafel statt und ich bete, dass die feste soteriologische Basis die damals gelegt wurde mich nie verlässt.
Oder an ihr Vermächtnis das ich, als die Krankenbesuche noch bei ihr zuhause stattfanden, immer wieder bestaunte. Es besteht aus unzähligen gesammelten Kinderbiblen und Büchern, aus dutzenden Ordnern voll mit Anspielen, Bastelanleitungen, Malvorlagen, Liedern, Spielen, Bildern und Geschichten. Alles selbst erstellt, vervielfältigt und thematisch geordnet. „Es gab ja damals nix.“ pflegte sie zu sagen. Mit all diesem Material hat sie uns Kindern die vielleicht wichtigsten Lektionen unseres Lebens vermittelt.
Gut wir wurden auch gezwungen am Muttertag als Blümchen verkleidet Gedichte aufzusagen, aber was uns wirklich geprägt hat waren doch die biblischen Inhalte, die wir durch Malen und Basteln, durch Handpuppen und Lieder nahegebracht bekamen. Statt Vorlesungen kleine Figuren in der Sandbox, statt Mitschriften ein Krone aus Goldpapier – ja, wir sind Kinder Gottes! Dieses geistliche ABC war vor Augustinus, Barth oder Cullmann und es hat sie zum Glück überstanden.
Jetzt hat sie es zum Glück überstanden, offensichtlich. Wie muß es sein, wenn die Kräfte langsam schwinden bis man sich nicht mehr bewegen kann? Wenn man im Prinzip gelähmt ist, mit dem Unterschied, dass die Schmerzimpulse aus allen Körperteilen sehr wohl noch im Gehirn ankommen? Wenn man kaum noch atmen kann? Wofür soll man in solchen Momenten beten? Sie hat in letzter Zeit immer davon gesprochen, dass sie Gott um den Tod bittet. Nach 17 Jahren Krankheit. Jetzt ist er gekommen. Schon mit Anfang 60 und doch keine Sekunde zu früh – für sie zumindest.
Ich habe noch nie einen toten Menschen gesehen, aber es ist ganz natürlich. Wie die Besuche bei ihr mir eigentlich grundsätzlich sehr viel gegeben haben. Es ist fast so als würde das Sterben uns selbst das Leben intensivieren. Einen Menschen zu besuchen der nicht leben und nicht sterben kann holt dich in die Realität. Es öffnet den Blick für das was wir wirklich sind und das was wirklich zählt. Die Alltäglichkeit der Anderen, die den Tod und das Alter weit von sich weg geschoben haben in Altenheime, Pflegestationen und Hospize und ihn dennoch täglich zur Unterhaltung konsumieren, kotzt einen dann geradezu an.
So ist es auch jetzt komisch zu gehen. Sie liegt so friedlich da. Wie im Atemzug eingefroren. Heidegger würde sagen, dass ihr Dasein jetzt komplett ist. Pannenberg hält dem zu Recht entgegen, dass menschliches Dasein über den Tod hinaus konzipiert ist, und darum erst in der Auferstehung und dem ewigen Leben vollständig sein wird. Von daher passt „im Atemzug eingefroren“ ganz gut. Aus ihrer Perspektive wird der nächste Moment die Wiederkunft sein. Eschatologie – alles bei ihr gelernt. Also Karin, wir sehen uns!
Ich werfe die Verkleidung in den Mülleimer und sage der Schwester bescheid.
geschrieben von svefoc um 09:36 Uhr | Stichworte: tod, verlust, sehnsucht | 1 Kommentar
Pfirsich Melba
07.11.2011 | Kategorien: Trivial
"Pfirsich Melba ist ein Dessert, das Auguste Escoffier der Sängerin Nellie Melba widmete, während sie 1892 bis 1893 am Londoner Royal Opera House gastierte.
Zur Zubereitung wird pro Portion ein halber geschälter Pfirsich in Läuterzucker gedünstet, in einer Sektschale auf Vanilleeis gesetzt, mit Himbeerpüree überzogen und mit Schlagsahne dekoriert. Dazu werden Waffeln serviert.
Mittlerweile trägt die pürierte Himbeersauce auch den Namen Sauce Melba.
Nach Pfirsich Melba ist auch die Farbe Melba benannt, ein pfirsichfarbener Ton."
Zitat aus Wikipedia
geschrieben von svefoc um 10:34 Uhr | Stichworte: studententreffen | 0 Kommentare
Sabbat im Internet
30.10.2011 | Kategorien: Abendkommentar
www.sabbat.de - die etwas andere Seite zum Thema!
geschrieben von svefoc um 19:45 Uhr | Stichworte: sabbat, internet | 0 Kommentare
Gott braucht Gebet
27.10.2011 | Kategorien: Abendkommentar, Gott
Puh, die Abende kommen Schlag auf Schlag und immer neue Themen. Man kommt kaum noch nach. Entsprechend hingeschmissen sind auch die Posts hier. Es bleibt kaum Zeit, Dinge zu Ende zu denken. Das bleibt dann dem Leser überlassen.
Zum Thema Gebet wollte ich noch anmerken, wie toll das Ohr ist. Nein .. :) eigentlich nicht. Aber ich wollte sagen, dass ich die Frage von Klaus Popa: "Was bringt Gebet Gott?" super fand und anders beantwortet hätte. Nämlich mit Henri Nouwen, der das Beziehungsbild mal zu Ende gedacht hat und gesagt hat: der Vater sehnt sich doch mehr nach einem Gespräch mit seinen Kindern, als die Kinder. Wenn man dann noch mit einbezieht, dass Gott uns unendlich mehr liebt als wir ihn, dann folgt daraus, dass Gott unser Gebet mehr braucht als wir - in dem Sinn, dass er es sich mehr wünscht.
Das soll nicht von Gottes Souveränität wegnehmen oder ein Verpflichtungsgefühl erzeugen. Vielmehr macht es deutlich, wie Gebet für den Glaubenden aussieht. Es ist wie wenn der verlorene Sohn im Gleichnis von Jesus nach Hause kommt. Gott rennt dir entgegen, schließt dich in die Arme und freut sich wie ein Schnitzel. Wenn du dich hinkniest um zu beten, hat Gott Tränen in den Augen! Freudentränen! Ein Kind kommt nach Hause.
geschrieben von svefoc um 15:23 Uhr | Stichworte: gebet, liebe, sehnsucht, gott, kind | 0 Kommentare
Der Fluch der Freiheit
24.10.2011 | Kategorien: Abendkommentar, Gesellschaft
Da ich am Samstag zu Besuch im Studio war, konnte ich nachträglich noch mit Oliver Glanz und Klaus Popa dem Sprecher diskutieren. Dabei ist uns eine Unterscheidung bewußt geworden, die sowohl in der Reflexion als auch in der Diskussion angeklungen ist, aber nicht klar herausgearbeitet wurde.
Matthias Müller fragte ja, ob die Möglichkeiten unserer Gesellschaft nicht ein Fluch geworden sind. Ich persönlich war mit der verneinenden Antwort (ich weiß nicht mehr wer sie gegeben hat) ziemlich unzufrieden. Denn angesichts der globalen Situation ist es absolut ein Fluch, wenn man sich Gedanken macht welche Pizza man kaufen soll, oder sich den Kopf zerbricht, ob ein Auslandssemester in England oder Island besser für den Lebenslauf ist. Es ist ein Fluch weil es absolute Trivialitäten sind. Jede Sekunde, die wir uns damit aufhalten und darüber grübeln und unter dem "vielleicht" stöhnen ist eine Beleidigung für all jene auf der Welt, die weder eine Pizza haben noch die Möglichkeit zu studieren. Matthias erwähnte die Kinder in Flüchlingslagern.
Natürlich, das musste ich zugeben, bedeutet das nicht, dass Unfreiheit gut wäre. Es geht eben darum die Freiheit in wesentlichen Dingen, wie Religion, Lebensgestaltung, Menschenrechte etc. zu wahren ohne in der Freiheit der Trivialität unterzugehen. Das Vielleicht ist super, wenn es uns ermöglicht einen eigenen Beruf zu wählen, oder uns für einen Glauben zu entscheiden ohne Repressionen fürchten zu müssen. Aber es ist ein Fluch, wenn es uns mit den unzähligen Entscheidungen des Alltags lähmt und uns blind macht für das Wesentliche.
Ich bin seit zwei Jahren Vater und bei Kindern merkt man ganz deutlich, dass es uns zu gut geht. Dadurch, dass alles Wesentliche gegeben ist (medizinische Versorgung, Kleidung, Ernährung, Wohnung) stellt alles weitere einen Bonus dar, ist eigentlich überflüssig und um überhaupt irgendein Entscheidungskriterium zu haben, verfällt man dem Optimierungswahn. Es muss also ein strahlungsreduziertes Babyfon mit eingebauter Kamera sein, dass bei Verbindungsabbruch warnt und den Eltern konstant Informationen über Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Schlafzimmer des Kindes übermittelt. Wer nicht versteht was ich meine, dem empfehle ich den Film "Babys" - hier prallen Welten aufeinander und man fühlt sich auf einmal so doof als Bewohner der ersten Welt.
Und genaus lächerlich ist es doch sich sorgen zu machen, ob man jetzt den Top-Job bei Accenture bekommt, oder nur den mittelprächtigen bei McKinsey. Ich verstehe, dass solche Entscheidungen getroffen werden müssen. Ich hab auch ein Babyphon gekauft und ich kaufe ab und zu auch Tiefkühlpizzen. Aber man muss auch sehen, in welcher Kategorie von Freiheit wir uns bewegen. Wir quälen uns auf so hohem Niveau, dass der Großteil der Weltbevölkerung denkt wir wollen sie verarschen. Auf sie wirkt das wie es auf uns wirkt, wenn Roman Abramovic sich beschweren würde, dass er nicht weiß ob er Perser- oder Berberteppiche als Fußmatten für seinen Maybach will.
Dieser Post will im Grunde dazu aufrufen Augenmaß zu bewahren. Freiheit schön und gut, aber nicht jede Entscheidung ist wesentlich und die Freiheit die wir haben, darf uns nicht vom wesentlichen abhalten.
geschrieben von svefoc um 10:55 Uhr | Stichworte: trivialität, freiheit, verantwortung | 4 Kommentare
Trost
20.10.2011 | Kategorien: Abendkommentar
Gestern im Gespräch nach der Sendung wurde auch die Frage angeschnitten, was denn der Unterschied zwischen Trost der von Gott kommt und "billigem Trost" sei. Da billiger Trost eben billig ist, also nicht substantiell oder tragfähig, war die Antwort sehr einfach. Schwieriger ist die Frage, was göttlichen Trost von dem Trost unterscheidet, der einem von Menschen gegeben wird. Das ist vor allem schwierig, weil Gott ja durchaus Menschen verwenden kann, um zu trösten. Man muss die Frage also präziser formulieren: was ist der Unterschied, zwischen Trost, den Gott durch sein Wort spendet (die Bibel wurde zwar auch durch Menschen geschrieben, aber ich glaube, dass Gott sie inspiriert hat) und Trost, der durch die Zuwendung anderer Menschen kommt?
Trost ist ein sehr vielfältiges und komplexes Phänomen, aber in den meisten Fällen hat er mit Trauer zu tun. Klar kann man auch in einer gewissen Form sagen, man sei getröstet worden, wenn man Angst hatte, aber in der Regel braucht und findet man Trost, wenn man traurig ist, egal worüber. Dabei besteht Trost per Definition nicht in einer Lösung des Problems (zumindest nicht in einer sofortigen). Denn wenn der Grund der Traurigkeit weg wäre, gäbe es auch keine Trauer mehr und man könnte nicht getröstet werden. Trost setzt also voraus, dass das Problem im Grunde vorerst bestehen bleibt. Löst jemand das Problem hat er geholfen, aber nicht getröstet.
Wie funktioniert also Trost, wenn er am Problem nichts ändert? Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich, dass Trost darin besteht zu vermitteln, dass das Problem nicht so schlimm ist wie man dachte. Damit meine ich NICHT, dass man als Tröster das so sagen sollte: "Ist doch nicht so schlimm."! Aber durch seine Anwesenheit, durch sein Zuhören, durch eine Geste, Karte, Blume, etc. vermittelt man der anderen Person, dass das Problem überwindbar ist, dass das Problem nicht das letzte Wort ist, nicht die Wahrheit ist. Das gibt Hoffnung und neuen Mut.
Wenn ich zum Beispiel traurig bin, weil ich in einer Prüfung versagt habe, und mich wertlos fühle, dann kann mich jemand trösten indem er mir - auf welche Weise auch immer - kommuniziert, dass ich trotzdem wertvoll bin, dass er mich schätzt. Mir wird bewußt, dass die Prüfung nicht das letzte Wort über meine Qualität ist, dass ich nicht so schlecht bin, wie das Ergebnis der Prüfung, dass andere mich als gut sehen. Obwohl ich also durchgefallen bin, kann ich weiter leben, weil es mehr gibt, weil es Hoffnung gibt. Die Wertschätzung der anderen gibt mir Grund zu glauben, dass ich in Zukunft nicht immer scheitern werde.
Wenn ich einen lieben Menschen verliere und mich einsam fühle, dann drückt der Trost anderer Menschen aus: du bist nicht allein. Der Verlust bleibt, aber es stimmt nicht, dass du niemanden mehr hättest! Das Problem ist nicht die Wahrheit. Mir wird bewußt, dass ich, obwohl ich mich verlassen fühle, weiterleben kann, weil ich nicht verlassen bin. Es gibt mehr, es gibt Hoffnung. Die Wertschätzung der anderen gibt mir Grund zu glauben, dass das Leben nicht aus Verlust besteht, sondern aus reichen Beziehungen.
Das Problem mit diesem Trost ist, dass er sehr zerbrechlich ist. Menschen können ihre Meinung ändern. Ein falsches Wort und der Tröster von gestern ist heute verschwunden. Was ist dann mit der Wertschätzung, die mir Mut gegeben hat? Ein Sekundenschlaf auf der Autobahn und der Tröster von Gestern ist heute verschwunden. Was ist dann mit der Hoffnung, nicht allein zu sein, die er mir vermittelt hat? Ich glaube hier liegt der Unterschied zwischen göttlichem und menschlichem Trost. Gott ist stabiler. Er ändert weder seine Meinung über uns, noch kann er plötzlich verschwinden. Wir wissen, dass wir immer und unabänderlich in seinen Augen wertvoll sind und er uns nie allein lassen wird. Deswegen hält sein Trost in jedem Fall, was er verspricht.
Ich glaube, das macht göttlichen Trost so segensreich. Nicht allein die Tatsache, dass er allmächtig ist und eines Tages den Tod besiegen und alles Leid beenden wird, sondern die Verlässlichkeit seiner Wertschätzung und Gegenwart.
geschrieben von svefoc um 09:31 Uhr | Stichworte: trost, gott, hoffnung, trauer | 0 Kommentare
Freiheit ... ein kurzer Verweis
13.10.2011 | Kategorien: Abendkommentar
Freiheit war gestern ja Teil des Themas. Es kommt aber auch noch zweimal in den Titeln der kommenden Abende vor. Trotzdem poste ich jetzt einfach mal ein paar Gedanken von mir zu diesem Thema - nicht in schriftlicher, sondern in gesprochener Form:
geschrieben von svefoc um 10:18 Uhr | Stichworte: freiheit | 0 Kommentare
Sein Schicksal selbst in die Hand nehmen
11.10.2011 | Kategorien: Gesellschaft, Video
Morgen geht's um Unabhängigkeit, Freiheit, Autonomie im Gegensatz zu Schicksal und Vorherbestimmung. In unserer Gesellschaft will jeder tun und lassen können was er will, aber ich beobachte, dass in so vielen Punkten die Leute einfach extrem schicksalsergeben sind. Sie nehmen alles hin, sie glauben nicht, selbst etwas ändern zu können. Oder sie sind zu bequem. Ich habe knapp 900 "Freunde" bei Facebook, aber als neulich Troy Davis unschuldig hingerichtet wurde, haben ca. 4 Leute auf meine Aufrufe in den Statusposts reagiert ... Oder: jeder schimpft auf die Gier der Finanzmärkte, aber keiner tut was dagegen. Ich will nicht politisch werden, aber ich kann nicht anders, als diese Menschen zu bewundern:
geschrieben von svefoc um 22:08 Uhr | Stichworte: bank, bequem, aktiv, selbstbestimmt | 0 Kommentare
Krise, Neurose und Selbstbetrug - ein zu langer Post
09.10.2011 | Kategorien: Abendkommentar, Klugscheißerei, Religionskritik
Glauben in der Krise. Am Ende des Gespräches der ersten Ausstrahlung von glauben.einfach. herrschte große Einigkeit, dass das gut und sinnvoll ist, wenn man es denn kann. Hm. Warum? Weil es hilft? Wenn glauben gut ist weil es in der Krise hilft, ist es dann nur gut, wenn es in der Krise hilft? Was ist wenn glauben einen in eine Krise bringt?
Siegmund Freud sah Religion als allgemein-menschliche Zwangsneurose, sozusagen als Krise an sich, die man überwinden muss um befreit zu leben. In vielen Fällen könnte Freud recht haben, denn ganz oft ist unsere Vorstellung von Gott ja tatsächlich stark geprägt von den Menschen, durch die wir Gott kennen gelernt haben. Ein solches Gottesbild, also die Vorstellung, dass da ein allmächtiges Wesen existiert, das so ist wie mein Vater, hat ja tatsächlich Züge einer Zwangsneurose. In so einem Fall kann der Glaube zur Krise werden oder bestehende Krisen verschlimmern. Ein hypothetisches Beispiel:
Thomas ist 40, ein stiller Typ, gläubig und kurz vor dem Burn out. Er arbeitet 50 Stunden die Woche, meist außer Haus. Am Wochenende will er sich um Frau und Kinder kümmern und in den Gottesdienst gehen. Und dann ist da noch das Gefängnis. Als er vor 15 Jahren begann, sich für den Glauben zu interessieren, war der Auslöser dafür sein Nachbar Peter: ein älterer Mann der sich unermüdlich für seine Mitmenschen einsetzte. Als Nachbar bekam Thomas das zu spüren und war beeindruckt. Als er selbst seinen Mut zusammen nahm und es mit Gott probierte, nahm ihn Peter beiseite und erklärte ihm, dass es nun seine göttliche Pflicht wäre, sich ebenfalls für andere aufzuopfern. Am nächsten Sonntag fuhr Peter mit ihm ins Gefängnis um die Häftlinge dort zu besuchen. Stundenlang hörte er ihnen zu, diskutierte, tröstete, lachte und weinte mit ihnen. Als sie am Abend wieder im Auto saßen, schaut Peter Thomas ernst an und sagte: "Gott begegnet uns in den geringsten unserer Mitmenschen. Wer sich für sie nicht interessiert, an dem hat auch Gott kein Interesse." Dieser Satz hat sich Thomas in Gehirn eingegraben. Peter ist seit fünf Jahren tot und Thomas hatte Sonntags noch nie die Kraft ins Gefängnis zu gehen. Jedes Wochenende hat er ein schlechtes Gewissen, fühlt er sich schuldig. Ja, er zweifelt sogar daran, ob Gott sich noch für ihn interessiert, wenn er so wenig Zeit für seine Mitmenschen aufbringt. Das greift ihn existentiell an, lähmt ihn, erzeugt Angstzustände und raubt ihm allen Lebensmut.
Das mag vielleicht übertrieben oder unnachvollziehbar klingen, aber der Punkt um den es geht, ist zu zeigen, dass ein bestimmtes Gottesbild in Sachen Krise durchaus kontraproduktiv sein kann. Nur wenn meine Vorstellung von Gott tatsächlich Gott trifft und nicht Abbilder von Menschen aus meinem Leben, ist Glaube nicht Krise, sondern Ausweg aus der Krise.
Wenn in der Gesprächsrunde also gesagt wurde, dass Glaube in der Krise hilfreich ist, dann würde ich hinzufügen: wenn es denn der richtige Glaube ist. Moment, wird mancher vielleicht einwerfen, was heißt hier richtig? Woher will man das denn wissen? Solch ein Kriterium ist doch gar nicht bestimmbar! Wer will denn beweisen, dass sein Glaube der richtige ist! Wenn dann müsste man sagen: der Glaube ist hilfreich in der Krise, wenn er hilft. Richtig oder nicht ist doch egal. Worauf es ankommt ist, dass glauben sich nicht negativ auf einen selbst auswirkt. So quasi, es ist schon okay sich einzubilden, dass es ein allmächtiges Wesen gibt, das so ist wie mein Vater / Peter / XY, wenn diese Leute liebevoll, geduldig, tolerant, etc. waren.
Das ist die Position vieler gegenwärtiger Therapeuten, die den Glauben nicht wie Freud pauschal ablehnen, sondern durchaus stehen lassen, als positive Energie, die den Menschen helfen kann seine Probleme zu überwinden. Nicht Wahrheit, sondern Nützlichkeit ist das Kriterium. Viele würden wohl sagen, dass glauben eine Selbsttäuschung ist, aber wenn es hilft, bitte...
Ist das der Zugang von glauben.einfach.? Ich denke nicht. Ich hoffe nicht. Denn obwohl der Glaube als hilfreich in der Krise vorgestellt wurde, soll er doch mehr sein, als nur ein Mittelchen zur Lebensbewältigung. Es wäre denke ich auch nicht sehr attraktiv für Menschen, wenn man ihnen sagen würde: "Hey, sie haben eine Krise in ihrem Leben, bilden sie sich doch einfach etwas ein, was es gar nicht gibt, dann geht es ihnen besser." Da wären wir ja immer noch im Freudschen System der Zwangsneurose, nur, dass sie in diesem Fall eben hilft statt schadet. So habe ich Matthias Müller nicht verstanden.
Alle Menschen streben von Natur nach Wissen. So beginnt Aristoteles seine Metaphysik und ich glaube er hat recht. Man will sich nicht verarschen lassen. Man will die Wahrheit wissen. Die ganze Diagnose vom Arzt zum Beispiel. Mit Gott ist es doch genauso. Lieber lebe ich weiter in der Krise, als dass ich mir fälschlicherweise vormache, er wäre da um mir zu helfen. Deswegen habe ich gesagt, nur der richtige Glaube kann Ausweg aus der Krise sein. Ich meine damit einen Glauben, der sich mit der Realität deckt.
Wenn wir also sagen, dass Glaube in der Krise hilft, dann stellen wir damit die Behauptung auf, dass es einen Gott gibt und dass wir Zugang zu verlässlichen Informationen über ihn haben. Ein solcher Glaube ist dann weder Zwangsneurose, noch heilender Selbstbetrug. Er ist das festhalten an einer Realität zu der man keinen unmittelbaren Zugang hat, die aber auf unterschiedliche, aber nicht nur eingebildete Weise, in mein Leben eingreift und hilft. Zumindest oft. Wenn aber diese Realität eingreift und eine Krise auslöst, wird der Glaube dadurch nicht schlecht, genauso wenig wie Schmerz schlecht ist, nur weil er weh tut.
Die eigentliche Frage am Ende des ersten Abends ist also: gibt es Gott tatsächlich und wenn ja, woher weiß ich wie er ist? Es einfach auszuprobieren ist natürlich ein legitimer Weg, sich einer Antwort zumindest auf die erste Frage anzunähern.
geschrieben von svefoc um 16:45 Uhr | Stichworte: gott, neurose, krise | 0 Kommentare
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